Aufschieben im Studium: warum es passiert und was dagegen hilft

Aufschieben ist im Studium sehr verbreitet und kein Zeichen von Faulheit. Es wird dann zum Problem, wenn Sie darunter leiden oder es Ihr Studium gefährdet. Einfache Strategien wie feste, begrenzte Arbeitszeiten können Sie sofort ausprobieren. Bei stärkeren Problemen helfen Programme auf Basis der kognitiven Verhaltenstherapie.
Wie viele Studierende schieben auf?
Sehr viele, genaue Zahlen für Studierende fehlen. Wer viel aufschiebt, ist öfter gestresst und niedergeschlagen.
Eine verlässliche aktuelle Zahl dazu, wie viele Studierende aufschieben, gibt es nicht. Neuere Studien beschreiben Aufschieben als sehr verbreitet, ohne es eigens zu messen. Die Prokrastinationsambulanz der Universität Münster schätzt, dass etwa 7 bis 14 Prozent der Allgemeinbevölkerung von problematischem Aufschieben betroffen sind.
Besser belegt ist, was mit Aufschieben einhergeht. Eine Meta-Analyse über 88 Studien mit mehr als 63.000 Menschen fand einen mittleren Zusammenhang zwischen Aufschieben und Niedergeschlagenheit, Angst und Stress. In einer Studie mit 3.525 Studierenden in Schweden hatten diejenigen, die mehr aufschoben, neun Monate später etwas mehr depressive Beschwerden, Stress und Angst. Sie schliefen auch schlechter. Die Unterschiede waren klein. Eine Beobachtungsstudie beweist keine Ursache.
Warum schieben wir auf?
Häufig kommt einiges zusammen: eine unangenehme Aufgabe, eine ferne Frist und etwas, das sofort lockt.
Im Studium passt das oft. Die Hausarbeit ist groß und unklar, die Abgabe liegt Wochen entfernt. Die Serie dagegen ist sofort da. Das ist ein gängiges Erklärungsmodell, keine gemessene Ursache.
Gut belegt ist vor allem, womit Aufschieben zusammenhängt. Eine Meta-Analyse über 75 Studien fand bei Schüler:innen und Studierenden einen mittleren Zusammenhang zwischen problematischer Handynutzung und Aufschieben. Was davon Ursache und was Folge ist, zeigt sie nicht.
Ab wann wird Aufschieben zum Problem?
Wenn es Sie belastet oder Folgen im Studium hat, etwa schlechtere Noten, verpasste Fristen oder körperliche Beschwerden.
Die Prokrastinationsambulanz Münster beschreibt Aufschieben als behandlungsbedürftig, wenn es zu Leiden und Beeinträchtigungen im Studium, im Beruf oder in anderen Lebensbereichen führt. Eine feste Grenze gibt es nicht. Ein Selbsttest ist keine Diagnose, kann aber eine erste Orientierung geben. Den anonymen Online-Selbsttest der Ambulanz können alle nutzen.
| Alltägliches Aufschieben | Aufschieben, über das Sie mit jemandem sprechen sollten |
|---|---|
| Sie fangen spät an, schaffen es aber | Sie verpassen Fristen oder melden sich von Prüfungen ab |
| Ärger kurz vor der Abgabe | Dauerhaft schlechtes Gewissen, Grübeln, schlechter Schlaf |
| betrifft einzelne Aufgaben | betrifft fast alles, was mit dem Studium zu tun hat |
| keine körperlichen Folgen | Kopf- oder Magenschmerzen, Niedergeschlagenheit, Angst |
Wenn Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit über Wochen im Vordergrund stehen, steckt womöglich mehr dahinter als Aufschieben. Dann ist eine psychotherapeutische Sprechstunde der richtige Schritt. Wie Sie dorthin kommen, steht im Beitrag Therapieplatz im Studium.
Was hilft gegen Aufschieben?
Klare, begrenzte Arbeitszeiten, kleine Schritte und bei stärkeren Problemen ein strukturiertes Programm.
Drei Strategien, die Sie heute ausprobieren können:
- Arbeitszeit begrenzen statt ausdehnen. Die Prokrastinationsambulanz Münster arbeitet mit Arbeitszeitrestriktion: Sie legen fest, dass Sie nur zu bestimmten Zeiten am Studium arbeiten dürfen, zum Beispiel zwei Stunden am Vormittag. Die Zeit wird knapp und damit wertvoll.
- Den ersten Schritt winzig machen. „Hausarbeit schreiben“ ist keine Aufgabe. „Drei Quellen für Kapitel 2 heraussuchen“ ist eine.
- Ablenkung vorher wegräumen. Handy in einen anderen Raum, Benachrichtigungen aus, eine Aufgabe pro Lernblock.
Wer mehr Unterstützung braucht, kann ein angeleitetes Programm nutzen. Wie gut solche Programme wirken, zeigen vor allem einzelne neuere Studien. Eine aktuelle Meta-Analyse fehlt. In einer randomisierten Studie mit 403 Studierenden verringerte ein begleitetes Online-Programm das Aufschieben nach vier Wochen spürbar, verglichen mit einer Wartegruppe. Eine kleinere Studie mit 71 Studierenden fand für ein Programm auf Basis der kognitiven Verhaltenstherapie einen großen Effekt. Ein einmaliger Online-Selbsttest mit Tipps half dagegen nicht messbar.
Kostenlose Hilfe an der Hochschule
Viele Hochschulen bieten Schreibberatung, Lerncoaching oder psychologische Beratung zum Thema an, meist kostenlos.
- Schreibberatung: Bei Haus- und Abschlussarbeiten hilft sie bei Planung und Motivation, zum Beispiel die Schreibberatung der Universität Göttingen für ihre Studierenden.
- Psychologische Beratung: Die Beratungsstellen der Hochschulen und Studierendenwerke kennen das Thema gut. Die FernUniversität in Hagen etwa berät ihre Studierenden kostenlos zu Aufschieben und Prüfungsangst.
- Prokrastinationsambulanz: Das Angebot in Münster steht nur Studierenden und Beschäftigten der Universität Münster offen, der Selbsttest allen.
Wenn Sie lieber kurzfristig und abends mit jemandem sprechen möchten, berät Studifit per Video zu Aufschieben, Lernorganisation und dem Druck, der dahinter steckt. Studifit ist psychologische Beratung: keine Psychotherapie, keine Kassenleistung, keine Diagnosen. Wenn Sie vermuten, dass mehr dahintersteckt, suchen Sie bitte parallel einen Therapieplatz. Die Preise finden Sie auf der Preisseite.
Wenn der Druck zu groß wird
Wenn Ihnen alles über den Kopf wächst und Sie keinen Ausweg sehen, sprechen Sie mit jemandem. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar unter 0800 111 0 111. Bei Lebensgefahr wählen Sie die 112.
Quellen
- Universität Münster, Prokrastinationsambulanz: Was ist Prokrastination? und Selbsttest
- Nie, Y. et al. (2025): The association between procrastination and negative emotions in healthy individuals. Frontiers in Psychiatry
- Johansson, F. et al. (2023): Associations Between Procrastination and Subsequent Health Outcomes Among University Students in Sweden. JAMA Network Open
- Zhou, X. et al. (2024): The correlation between mobile phone addiction and procrastination in students: A meta-analysis. Journal of Affective Disorders
- Amarnath, A. et al. (2025): Effectiveness of a guided internet-based intervention in reducing procrastination among university students. Internet Interventions
- de Haas, S. M. H. et al. (2026): Group cognitive behavioral therapy for reducing procrastination in college students. Cognitive Behaviour Therapy
- Åsberg, K. et al. (2024): Effects of a single session low-threshold digital intervention for procrastination behaviors among university students (Focus). Internet Interventions
Alle Angaben in diesem Artikel wurden sorgfältig recherchiert, erfolgen jedoch ohne Gewähr. Angebote, Wartezeiten und gesetzliche Regelungen können sich ändern. Stand: Oktober 2026.